Den Saigas auf der Spur - erste Besenderung der Antilopen in Kasachstan
03.12.2009

Zum ersten Mal gelingt es in Kasachstan, eine größere Anzahl Saiga-Antilopen mit Satellitensendern zu versehen, um ihre Wanderrouten zu erforschen. Das Wissen um die Wege der Antilopen durch die kasachische Steppe ist eine elementare Grundlage für deren Schutz.

(Frankfurt, 3.Dezember 2009) Die Saiga-Antilope gehört zu den am stärksten bedrohten Säugetierarten der Welt, und obwohl sich Wissenschaftler und Naturschützer seit Jahren intensiv mit den Saiga-Populationen Kasachstans beschäftigen, weiss man recht wenig über die Wanderungen die die Tiere im Laufe des Jahres durch die Steppen Zentralasiens unternehmen. Unter Federführung der Regierung von Kasachstan ist es nun Naturschützern der kasachischen Organisation Association for the Conservation of Biodiversity in Kazakhstan (ACBK), der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) und der britischen Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) gelungen, Saigas mit Satellitensendern zu versehen, um ihre Wanderrouten zu erforschen. Das Wissen um die genauen Wanderrouten ist eine der Grundvoraussetzungen für einen effektiven Schutz der Art in den weiten Steppen Kasachstans und ermöglicht es, die Grenzen der Schutzgebiete optimaler festzulegen.

Zum ersten Mal wurden nun in Kasachstan, wo der größte Teil der Saigabestände zuhause ist, 20 wildlebende Saiga-Antilopen eingefangen und mit GPS-Satelliten-Sendern versehen, um das Geheimnis ihrer Wanderung zu lüften. Ein 20-Mann-starkes kasachisch-deutsches Team, ausgestattet mit einem Beobachtungsflugzeug, Geländefahrzeugen und Motorrädern, schaffte es innerhalb von vier Wochen im Oktober mithilfe von versteckten Netzen, die 20 ausgewachsenen Tiere zu fangen, sie mit Senderhalsbändern zu versehen, zu vermessen, zu untersuchen und wieder freizulassen.

Die Frage, ob sich die extrem scheuen Antilopen überhaupt würden einfangen lassen ohne ihre Gesundheit zu gefährden, wurde im Vorfeld ausführlich diskutiert. Hilfestellung erhielt das Feldteam in Kasachstan daher von der Frankfurter Zoo-Tierärztin Dr. Christina Geiger. Mit Ziegen als „Trainingspartnern“ übte das Team solange das Handling der sensiblen Antilopen bis es routiniert genug war, die gesamte Prozedur in weniger als zehn Minuten durchführen zu können (siehe Zusatzmaterial: Interview mit Christina Geiger).

„Wir bewundern alle die große Wanderungen der Gnus in Afrika“ sagt Wolfgang Fremuth von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, „und genauso wie die Gnus sind die Saigas ein entscheidender Faktor in einem Ökosystem, das durch eine Migration bestimmt wird. Es gibt nur noch wenige derartige Wanderungen, und wir haben nun die Chance eine der größten und beeindruckendsten Wanderungen wieder herzustellen.”

Ein kleiner Rest der einstigen Herden

Man schätzt, dass in den 1970er Jahren noch etwa eine Million Saigas im Grasland Kasachstans lebte. Auch heute noch ist Kasachstan Heimat des größten Teils der Gesamtpopulation der Saiga - auch wenn diese nur noch einen Bruchteil ihrer einstigen Größe hat. Heute gibt es nur noch rund 81.000 Tiere. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion führte die Verarmung der ländlichen Bevölkerung parallel mit dem Öffnen der Grenzen zu China zu einer massiven Zunahme von Wilderei. Man trachtete den Antilopen nach ihrem Fleisch aber auch nach ihren Hörnern, die in der traditionellen chinesischen Medizin begehrt sind. Im Jahr 2002 war die Saiga-Antilope am Rande des Aussterbens und wurde als „kritisch gefährdet” in die Rote Liste der Weltnaturschutzunion IUCN aufgenommen.

Die wichtigste Population in Kasachstan erholt sich glücklicherweise seit einigen Jahren wieder. In der Altyn Dala Region ist der Bestand von weniger als 4.000 Tieren im Jahre 2002 auf über 45.000 Tiere Anfang 2009 angestiegen. Dieser Erfolg geht maßgeblich auf mobile Antiwilderer-Einheiten und auf die Verbesserung des Schutzes des Lebensraums, der Steppen und Halbwüsten, zurück. Auch bessere Erkenntnisse über das Verhalten der Saiga helfen sie zu schützen. Die Saigaantilope spielt eine Schlüsselrolle bei der Erhaltung der international bedeutsamen Steppen- und Halbwüsten-Ökosysteme mit ihren einzigartigen Pflanzen- und Tierarten.

Khairbek Mussabayev, stellvertretender Vorsitzender des Komitees für Forst und Jagd im kasachischen Ministerium für Landwirtschaft betont: “Kasachstan hat viel Arbeit in den Schutz dieser seltenen Art investiert, um seiner Verantwortung auf internationaler Ebene gerecht zu werden. Die langsam steigenden Populationszahlen zeugen von der Effektivität der Schutzmaßnahmen. Wir sind optimistisch und denken, dass wir auf dem richtigen Weg sind, die Saigapopulationen wieder auf ein nachhaltiges Niveau zu bringen.”

HINTERGRUND

Die Bedeutung der Saiga für das Ökosystem

In der Vergangenheit haben die Saigas und andere weidende Tierarten, wie etwa der Kulan (der zentralasiatische Wildesel) dazu beigetragen, die Graslandschaften durch stetes Abweiden zu erhalten. Die Saiga spielt eine wichtige Rolle in der Ökologie der Grasländer: sie verbreitet die Samen der Pflanzen über große Distanzen, ihre Losung trägt zur Fruchtbarkeit des Bodens bei, und die Tritte ihrer Hufe treiben die Samen in den Boden ein und unterstützen sie so bei der Keimung. Die fortwährende Beweidung durch die Saiga und andere große einheimische Säugetierarten hält das natürliche Grasland offen und schafft Lebensraum für die charakteristischen Vogelarten der Steppe, wozu auch die Großtrappe und der stark bedrohte Steppenkiebitz gehören. Genauso wie die Saiga sind beide Vogelarten vom Aussterben bedroht. Eine gesunde Population von Saiga-Antilopen schafft auch Nischen für Fleischfresser, wie den Mönchsgeier und den Wolf.

Kasachstan beherbergt die größte Population der Saiga, zudem gibt es kleinere Populationen im europäischen Teil Russlands und in der Mongolei. Die Saigas aus Kasachstan überwintern teilweise in Uzbekistan und möglicherweise in Turkmenistan.

In prähistorischen Zeiten kam die Saiga in weiten Teilen Europas vor, ihre westliche Verbreitungsgrenze reichte bis England.

Das Naturschutzprogramm „Altyn Dala Conservation Initiative“

Das Naturschutzprogramm Altyn Dala Conservation Initiative (Altyn Dala bedeutet “goldene Steppe” auf kasachisch) hat zum Ziel, ein Netzwerk geschützter Grassland-Habitate in Zentral-Kasachstan aufzubauen. Mehr als 5,2 Millionen Hektar des Gebietes stehen bereits unter offiziellem Schutz, aber weitere 5 Millionen Hektar (etwa die Fläche Niedersachsens) sollen noch hinzukommen. Mit diesen etwa von blühenden Wildtulpen übersäten Mosaikstückchen werden letztendlich riesige Gebiete von Gras-Steppe und Halbwüste, die charakteristische Landschaft Kasachstans, geschützt und wiederhergestellt.

Die Altyn Dala Conservation Initiative ist ein internationales Gemeinschaftsprojekt der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) und der Association for the Conservation of Biodiversity of Kazakhstan (ACBK), in enger Zusammenarbeit mit dem kasachischen Komitee für Forst und Jagd des Ministeriums für Landwirtschaft und dem kasachischen Ministerium für Umweltschutz. Die Besenderung wurde unterstützt mit Mitteln der Gregor Loisoder Umweltstiftung und der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) .

BILDMATERIAL

Auf Anfrage erhalten Sie von uns gerne

- druckfähige Fotos von Fang und Besenderung der Saigas
- sendefähiges Filmmaterial von Fang und Besenderung der Saigas
- Grafik: Karte des Altyn Dala Schutzgebietes und der Saiga-Populationen
- Grafik: Bestandsgrafik der Saiga-Population

ANSPRECHPARTNER

Dagmar Andres-Brümmer
Zoologische Gesellschaft Frankfurt; Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Tel: ++49 (0)69- 9434 46 11
Mobil: ++49 (0)151 5044 0843
E-Mail: andres-bruemmer@zgf.de
www.zgf.de

Verfügbar für ein Interview – Wolfgang Fremuth

Darüber hinaus stehen Ihnen Ansprechpartner aller beteiligten Organisationen zur Verfügung:

Ansprechpartner in England:
RSPB Media Officer – Grahame Madge
Tel: +44 1767 693221
Mobil: +44 (0)7702196902
E-Mail: grahame.madge@rspb.org.uk

Verfügbar für ein Interview - Dr. Norbert Schaffer

Ansprechpartner in Kasachstan:
ACBK - Vitaliy Gromov
Tel. Büro: +7-727-2203877
Mobil: +7-701-7341839
E-Mail: vitaliy.gromov@acbk.kz